Die Geschichte des Werkes Wolfenbüttel der Schering AG
Bis zur Inbetriebnahme des Werkes Wolfenbüttel war die Produktion für den westdeutschen Bedarf mangels eigener größerer Fabrikationsstätten fast über das ganze Gebiet
der drei westlichen Besatzungszonen verzettelt. Eine größere Teilfertigung erfolgte in den Räumen der Voigtländer A. G. in Braunschweig, ferner wurde J 947 auf dem Gelände der befreundeten Concordia-Bergbau A. G. in Oberhausen ein Eigenbetrieb eingerichtet. Weitere Betriebe in eigener Regie befanden sich im Braunschweiger Binnenhafen und in Bückeburg. Hierzu kamen noch mehrere Lohnfabrikationsstätten, so daß zeitweise gleichzeitig an 9 verschiedenen Orten von Hamburg bis Oberfranken und vom Ruhrgebiet bis zum Harz Schering-Erzeugnisse hergestellt wurden- Nach Anlaufen des Werkes Wolfenbüttel verschwanden alle diese Fabrikationsstätten wieder. Eine Ausnahme bildete nur die Betriebsstelle Oberhausen, die sich infolge der häufig wechselnden Aufgaben zu einem Mehrzweckbetrieb von großer Anpassungsfähigkeit entwickelt hatte.
Bis das Werk Wolfenbüttel den Betrieb aufnehmen konnte, war allerdings noch eine ganze
Reihe von Vorarbeiten zu leisten. Die alte braunschweigische Herzogstadt Wolfenbüttel
hatte zwar weder Bomben- noch sonstige Kriegsschäden erlitten, im Werk waren aber erhebliche Demontageschäden zu beseitigen. Gebäude und Fabrik= Straßen waren instand zu setzen und als wichtigstes die Dampf- und Stromversorgung wieder einzurichten. Da das Werk überdies ursprünglich ganz anderen Zwecken gedient hatte, mußte es auch Für die neue Produktion umgestaltet werden. Schließlich war zu berücksichtigen, daß ein Teil der Gebäude mit Flüchtlingen belegt war, die umzuquartieren in der damaligen Zeit der grüßten Wohnungsnot eine schwierige und undankbare Aufgabe darstellte. Ein Teil dieser Flüchtlinge - besonders solche aus Schlesien und Ostpreußen - fand jedoch Arbeit im Werk selbst und bildete somit gleich den Stamm der neuen Belegschaft.
Als erster Betrieb konnte 1949 die Galvano-Ableilung, die bis dahin in gemieteten Räumen im Braunschweiger Binnenhafen in recht behelfsmäßiger Weise hatte arbeiten müssen, ihre Fertigung im Werk Wolfenbüttel aufnehmen. Etwas später begann die Herstellung von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln. Obwohl hierfür zu= nächst nur ein Teil der vorgesehenen Einrichtungen zur Verfügung stand, war das Werk doch bereits für die Frühjahrssaison 1950 lieferfähig und konnte darüber hinaus sogar schon größere Exporte durchführen.
Die Herstellung von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln unterscheidet sich von der Arzneimittelfabrikation rein technisch hauptsächlich dadurch, dass bei ihr Massen von Tausenden von Tonnen zu bewegen sind, da ein nicht unwesentlicher Teil der Präparate aus Füllstoffen besteht. Der schnelle Aufschwung, den das Pflanzenschutz-und Schädlingsbekämpfungsmittelgeschäft nach der Währungsreform nahm, hatte daher
sich sehr bald als zu klein erwiesen. Hinzu kam, daß auch das Galvanogeschäft eine günstige Entwicklung erfuhr, und so wurden schon ün nächsten Jahre Erweiterungs bauten in Wolfenbüttel erforderlich. 1950 wurde als erster Neubau ein neues Kesselhaus errichtet, in den nächsten Jahren folgten mehrere Fabrikations- und Lagerneubauten und durch Hinzukauf von angrenzendem Gelände wurde die Möglichkeit einer weiteren räumlichen Ausdehnung des Werkes geschaffen.
Eine Schwierigkeit besonderer Art war hierbei noch zu überwinden. Die meisten Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel stellen physiologisch stark wirksame Substanzen dar und es bestand die Gefahr, dag kleine Mengen davon in die Fabrikabwässer gelangten. Nachdem sich die Kläranlage der Stadt Wolfenbüttel sehr bald als zu klein und auch als unzweckmäßig erwies, ging das Werk dazu über, die Reinigung der Abwässer selbst vorzunehmen. Alle Abwässer, die die Fabrik verlassen, wurden fortan vorher in einem eigens dafür eingerichteten biologischen Prüflaboratorium an Kleinlebewesen und Fischen ausgetestet, so daß jede Möglichkeit, daß schädliche Substanzen aus der Wolfenbütteler Fertigung in die Flüsse geraten, entfiel.
1953 wurden sämtliche Anteile der Vorbesitzerin des Werkes, der »Metallwerk Wolfenbüttel G. m. b. H.«, erworben. Die Tätigkeit dieser Gesellschaft beschränkt sich auf die Verpachtung ihrer Fabrikanlagen an die Schering A. G.
Im Jahre 1950 wurde auch die Zweigniederlassung Braunschweig nach Wolfenbüttel
(später nach Hannover) verlegt. Sie war, wie erinnerlich, im März 1945 zur Versorgung des westdeutschen Marktes eingerichtet worden und hat, als nach dem Zusammenbruch viele Monate hindurch keinerlei Verbindung zwischen Berlin und Westdeutschland bestand, wesentlich dazu beigetragen, daß die Scherings Präparate in Westdeutschland nicht in Vergessenheit gerieten.
Quelle: "Geschichte der Schering Aktiengesellschaft" v. Dr. Hans Holländer (Schering), 1955